DHPV: Stellungnahme gegen die Aufnahme der "anhaltenden Trauerstörung" als eigenständige psychische Störung

im Rahmen der Überarbeitung der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10, Kapitel V) wird derzeit überarbeitet. In diesem Rahmen schlägt die Arbeitsgruppe der WHO für stressbezogene Störungen die Aufnahme der "anhaltenden Trauerstörung“ als eigenständige psychische Störung vor. Die Fachgruppe "Trauer" des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV) hat vor diesem Hintergrund eine Stellungnahme erarbeitet. Der DHPV bedankt sich herzlich bei allen Kolleginnen und Kollegen, die an der Stellungnahme mitgewirkt haben, und stellt die Stellungnahme gern seinen Mitgliedern hier zur Verfügung.


Stellungnahme gegen die Aufnahme der "anhaltenden Trauerstörung" als eigenständige psychische Störung im Rahmen der Überarbeitung der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen

Berlin, 02.06.2016

I. Hintergrund

Die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD 10, Kapitel V), herausge-geben durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird momentan überarbeitet. Die 11. Auflage soll 2018 erscheinen. In diesem Rahmen schlägt die ICD-11-Arbeitsgruppe der WHO für stressbezogene Störungen die Aufnahme der „anhaltenden Trauerstörung“ als eigenständige psychische Störung vor.

II. Stellungnahme zur Überarbeitung des Internationalen Klassifikation psy-chischer Störungen

Die im Deutschen Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) organisierten Hospiz- und Palliativeinrichtungen und -dienste engagieren sich in vielen Städten und Gemeinden in der Begleitung trauernder Menschen. Der DHPV tritt dafür ein, der Trauer Raum und Zeit zu geben. Er versteht Trauer als natürliche Reaktion auf einen schweren Verlust und als Kraft, mit dieser Situation umzugehen.

Bei der aktuellen Überarbeitung der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen sieht der DHPV die Gefahr, dass im Gesundheitswesen anhaltende Trauer als seelische Krankheit definiert wird. Der DHPV hält die Bezeichnung „anhaltende Trauerstörung“ aus zwei Gründen für ungeeignet und irreführend:

  • Die Trauer braucht Zeit, damit die Erfahrungen des Verlustes langsam in das Le-ben integriert werden können. Das ist bei Trauernden sehr unterschiedlich. Durch Festlegungen von bestimmten Zeiten werden Prozesse der Trauer eingegrenzt und normiert.
  • Störungen in diesen Prozessen entstehen nicht durch die Trauer, sondern durch den Verlust einer nahen Bezugsperson. Trauer hingegen hat heilende Kraft und kann z. B. dem Entstehen von Depressionen entgegenwirken.

Bei Störungen, die nach schweren Verlusten entstehen und die eine therapeutische Behandlung erfordern, schlägt der DHPV die Bezeichnung „Belastungsstörung nach Verlust einer nahen Bezugsperson“ vor. Menschen, die unter solcher Störung leiden, soll eine ihnen entsprechende therapeutische Unterstützung ermöglicht werden.

Daneben gibt es in besonderen Situationen (z. B. nach Suizid) "erschwerte Trauer". Menschen mit solcher Trauer brauchen eine besondere Begleitung durch Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die für diese Aufgaben spezifische Qualifizierung erfahren (Große Basisqualifikation). Leitlinien für die Fort- und Weiterbildung in der Trauerbegleitung bestehen bereits.

Der DHPV bietet in seinen Einrichtungen vor Ort vielfältige Möglichkeiten der Trauerbegleitung an. Sie reichen von offenen Trauer-Cafés bis zu regelmäßigen Treffen in Trauergruppen und Einzelbegleitungen, auch besteht jeweils die Vernetzung mit therapeutischen Angeboten. Alle die Einrichtungen des DHPV stehen für ein Verständnis von Trauer als einem persönlichen, natürlichen Prozess, der Zeit und Raum braucht.


Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband e.V. (DHPV) vertritt die Belange schwerstkranker und sterbender Menschen. Er ist die bundesweite Interessensvertretung der Hospizbewegung sowie zahlreicher Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland. Als Dachverband der überregionalen Verbände und Organisationen der Hospiz- und Palliativarbeit sowie als Partner im Gesundheitswesen und in der Politik steht er für über 1000 Hospiz- und Palliativdienste und -einrichtungen, in denen sich mehr als 100.000 Menschen ehrenamtlich, hauptamtlich und bürgerschaftlich engagieren.

Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V.
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