Vortrag: „Die Trauerbegleitung – Aufgabe und Herausforderung für die Hospizdienste“

von Hermann J. Bayer, Stuttgart
Anlässlich der 12. Mitgliederversammlung der LAG Hospiz Baden-Württemberg e.V. am 14. Juni 2007 in Freiburg, Vorstellung der Rahmenempfehlung „Qualifikation zur Begleitung trauernder Menschen im Rahmen der Hospizarbeit"

1. Leitwort

„Der Tod beendet das Leben, aber nicht die Liebe! Die Trauer zeigt, wie sehr wir den Verstorbenen liebten und immer noch lieben. Die Trauer will, dass die Liebe weitergeht - über den Tod des geliebten Menschen hinaus. Nicht zum Loslassen, sondern zum Lieben" will Roland Kachler in seinem bekannten Buch „Meine Trauer wird dich finden" ermutigen und begleiten.

Trauer ist nicht nur die Emotion des Abschieds (wissenschaftlicher Konsens) sondern Trauer ist das Gefühl, das Hinterbliebenen hilft, eine neue Beziehung zum Verstorbenen zu finden. (Dennis Klass, 1996)

2. Wie alles begonnen hat

Ich beobachte in den zurückliegenden Jahren, wie Trauerbegleitung ein Thema im ambulanten Hospiz geworden ist. Denn, so im Vorwort der Rahmenempfehlung „Qualifikation zur Begleitung trauernder Menschen im Rahmen der Hospizarbeit", „die Hospizbewegung hat sich zur Aufgabe gemacht, Sterbende und ihre Angehörigen zu begleiten. Damit hat Hospizarbeit immer auch mit Trauerwegen und Trauerprozessen zu tun...

Nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen bleibt den Angehörigen die Aufgabe, die Zeit der Trauer zu leben und zu gestalten. Auch hier bietet Hospiz Begleitung an." Als Beispiel sehe ich die Besuche einige Wochen nach der Sterbebegleitung bei den Hinterbliebenen und die jährlichen Gedenkgottesdienste, zu denen die Menschen auf dem Trauerweg eingeladen werden.

Vor neun Jahren habe ich mit einem Lebenscafé in Stuttgart-Bad Cannstatt ein eigenes Modell der Trauerbegleitung begonnen. Vermehrt aus diesem Grund haben ambulante Hospizdienste angefragt, wie sie ein solches „niederschwelliges Angebot" neben der Sterbebegleitung zur Trauerbegleitung ausbauen können, unter dem Dach ihres Hospizes.

Dabei sind in den Gesprächen sehr unterschiedliche Ansichten entstanden, welche Anforderung an die Ehrenamtlichen zu stellen sind. Reicht die Ausbildung für die Sterbebegleitung auch für die Trauerbegleitung? Wenn nicht, wie viel Fortbildung wird nötig sein. Dabei wurde manchmal in den Gesprächen das „niederschwellige Angebot" gleichgesetzt mit „weniger Fortbildung" hierfür. Und das Gegenteil ist der Fall. Diese offene Form braucht wie die anderen Angebote auch für Menschen auf dem Trauerweg ein Wissen zum Themenbereich Trauer sowie eine Qualifizierung zum Leiten einer solchen Gruppe.

Da sehr unterschiedliche Anschauungen da waren und da auch unterschiedlich Geld und Kapazität zur Verfügung stehen, erstreckte sich die Vorstellung von Fortbildung von 10 Unterrichtseinheiten (UE) bis zu einem neuen Kurs mit 60 bzw. 72 UE.

Ich befürchtete, dass die Anbieter solcher Fortbildungen in einen Wettbewerb gedrängt werden.

Im Sinne von „Der Bayer macht einen kleinen Kurs - der N.N. nur einen großen" oder so.

So machte ich mich auf den Weg und habe mich mit anderen Fortbildnern unterhalten. Wir sahen die Notwendigkeit, dass ein Konsens formuliert werden muss, der für alle ambulanten Hospize zu einer Rahmenempfehlung wird. An diese halten sich dann je nach Ausgangssituation und örtlichen Bedingungen die Verantwortlichen der Hospize wie auch die Fortbildner.

3. Die LAG Hospiz Baden-Württemberg hat das Thema aufgenommen

So sind Frau Regina Mandel, Wilfried Müller und ich auf die LAG Hospiz Baden-Württemberg zugegangen und fanden sehr schnell eine Plattform, auf der wir diesen Weg beschreiten konnten.

Frau Sabine Horn wurde unsere offizielle Gesprächspartnerin und Marianne Wörner vom Vorstand und als interessierte Ehrenamtliche, und wir drei fanden uns zu einer Trauer-AG zusammen.

4. Trauerbegleitung unter dem Dach Hospiz

Trauerbegleitung ist in aller Munde. Sie beobachten das vielleicht selbst. Da ist ein Verstorbener noch nicht beerdigt, bekommen die Hinterbliebenen den Hinweis, sie müssen aber unbedingt in eine Trauergruppe gehen. So als ob der Weg nicht allein gegangen werden kann und so als ob Trauer eine Krankheit wäre. Von „Verarbeiten" ist die Rede und unausgesprochen oft davon, dass es möglichst schnell gehen soll. Die Verarbeitung meine ich und das Loslassen.

Wir wissen, dass es für die ersten Schritte auf dem Trauerweg meist die Menschen braucht, die einem nahe sind. Die Familie, die Arbeitskollegen, die Freunde.

Keine Gruppe. Keine Ratschläge.

Unterstützung. Dasein. Hier sind auch die Besuche der Hospizhelferin gewünscht, falls zuvor der Kontakt bei der Begleitung des Sterbenden und der Angehörigen zustande gekommen ist. Keine Begleitung, sondern Besuch, Begegnung. Dasein.

Wir beobachten jedoch, dass dann, wenn die Umgebung wieder zur Tagesordnung geht, für den Menschen auf dem Trauerweg ein Vakuum entsteht, das in den alltäglichen Begegnungen keinen Trost finden kann. Der Alltag selbst wird ein ganz anderer. Und niemand ist da, mit dem man/frau darüber sich austauschen kann.

Es geht im Lebenscafé zum Beispiel gerade darum, die neue Lebenszeit, den anderen Alltag, leben zu können. Den Alltag, der auf dem Trauerweg mit der „normalen Welt" nicht geteilt werden kann. Darin wächst wie von selbst und oft unbemerkt und manchmal über lange Zeit die neue Geschichte, dessen alte Geschichte der Tod unterbrochen hat. Und diese Zeit ist Leben und nicht erst wieder dann, wenn Trauer „bewältigt" ist.

Prof. Klass sagt, dass die eigene Biografie eingebaut ist in die kulturelle Geschichte.

Trauer und ihr Ausdruck sind immer zeit- und kulturgebunden. Der gesellschaftlich geprägte und akzeptierte Ausdruck von Trauer in der ersten Zeit nach dem Verlust ist heutzutage nicht mehr stillschweigender Konsens.

Die Begegnung mit Trauernden, die Begegnung mit Trauer wird zum „Neuland", für viele eher zum „Niemandsland". Darin geht, wie wir sagen, jeder seinen eigenen Weg.

Deshalb sind wir mitbeteiligt an der Gestaltung einer Kultur der Begegnung, in der die Individualität ein Gegenüber finden kann. Einen Austausch und ein Gespräch. Stille und Verstandenwerden.

So entsteht also im Lebenscafé, wie in anderen Formen der Trauerbegleitung, der Trauberatung und Unterstützung eine eigene und neue Kultur.

Der Theologe und Psychotherapeut Peter Schellenbaum spricht von „spirituellen und therapeutischen Übergangsgemeinschaften." Sei es als Familie, als Freundeskreis, als Lebens- oder Trauercafé. „Denn wenn ein Ich sich in einem Du zu spiegeln traut, dann gibt diese Beziehung dem einzelnen Menschen Kraft und schenkt ihm Glauben."

Und dies zu unterstützen und zu fördern ist von ihrem Auftrag her geradezu die Aufgabe eines Hospizes.

Dass Menschen - Sterbende, Angehörige, Trauernde und ihre BegleiterInnen - in der Begegnung, einer Übergangsgemeinschaft gleich, Kraft und Zutrauen finden können für ihren je eigenen Weg.

Im Hospiz geht es nicht um eine Kultur des Machenwollens, sondern vielmehr um den Raum, wo Trauer ihren Ort hat und Liebe wachsen kann.

So entstehen unter dem Dach Hospiz zwei Säulen, die Sterbe- und die Trauerbegleitung.

Zwei Säulen auf demselben Fundament. Das braucht eine neue Sicht und eine gute Organisation. (Koordinatoren)

5. Die Qualifikation zur Begleitung Trauernder im Rahmen der Hospizarbeit

„So sehr die Befähigung zur Begleitung Trauernder an Interesse gewinnt, so deutlich und ehrlich muss doch auch gesagt werden, dass wir letztlich nicht genau wissen, wem Trauerbegleitung tatsächlich auf welche Art und Weise hilft, ob es ohne (organisierte) Begleitung besser oder schlechter weitergegangen wäre im Leben dieser Frau/diesen Mannes, des Kindes oder Jugendlichen. Wir wissen noch nicht einmal, was besser oder schlechter wirklich bedeutet. Die Trauerforschung ist im deutschsprachigen Raum noch nicht so weit, dass auf diese „einfachen Fragen" verlässliche Antworten gegeben werden könnten.

In jedem Fall geht es bei der Begleitung von Trauernden darum, dass deren Trauer sich artikulieren kann, ausgelöst und nicht aufgelöst wird." (Trauerinstitut 2005)

„Es ist deutlich geworden, dass in Sterbeprozessen andere Facetten von Trauer sichtbar werden als in den Trauerprozessen nach dem Tod eines nahen Menschen. Eine zusätzliche Schulung für die Begleitung trauernder Angehöriger hat sich - auch für erfahrene Sterbebegleiterinnen - als sinnvoll erwiesen." (Chris Paul)

Wir haben im Team gerungen um eine Rahmenempfehlung, die sowohl die Erfahrungen von Hospizinitiativen in der Trauerbegleitung anschaut und zugleich die Standards dazu legt, die deutschlandweit derzeit formuliert und praktiziert werden. Daraus ist die Rahmenempfehlung entstanden.

Es geht dabei einerseits um die Stärkung und Weiterentwicklung des Themas Trauer in der Sterbebegleitung. Die Sicht und die Erfahrung hat sich in den letzten zehn Jahren verändert, weiterentwickelt.

Trauer wird auf dem Sterbeweg beim Sterbenden wie bei den Angehörigen bewusster wahrgenommen. So wird bis Herbst die Rahmenempfehlung für die Sterbebegleitung überarbeitet und der Aspekt „Trauer" mehr berücksichtigt.

6. Vorstellung der Rahmenempfehlung

Die Rahmenempfehlung nimmt Bezug zu der Lebenszeit Hinterbliebener nach dem Tod eines nahen Menschen. Sie sieht vor, in einem Orientierungskurs (12 UE) seine Entscheidung in die Trauerbegleitung zu wechseln, überprüfen zu können. Der Qualifizierungskurs (60 UE) schließt sich unmittelbar an.

Verglichen haben wir mit bundesweiten Modellen. Auch die ‚Bundesarbeitsgemeinschaft „Qualifizierung zur Trauerbegleitung"' (BAG-Trauerbegleitung) hat kürzlich die Standards verabschiedet. Darin finden wir die „kleine Basisqualifizierung", die weitgehend unserer Empfehlung entspricht:

Befähigung zur Einzelbegleitung und zur Assistenz in der Gruppe.

Zur Gruppenleitung ist aus unserer Sicht eine spezielle Qualifikation erforderlich.

Dass die Koordinatoren und die Verantwortlichen Initiatoren in den Hospizgruppen eine große Rolle spielen, liegt auf der Hand. Sie sollten eng in den Kurs eingebunden sein.

Sinnvoll erscheint uns auch, vor Ort eine Bedarfsanalyse zu erstellen...

  • Was gibt es schon?
  • Was ist im Sinne des zuvor genannten das Spezifische eines Hospizes?
  • Was plant ein anderer Träger in naher Zukunft?
  • Was passt zu der Struktur und den Gegebenheiten unseres Ortes?
  • Welche Art von Begleitung - offenen oder eher im geschützten Rahmen brauchen wir?
  • Kann ein Netzwerk entstehen, dass die Zusammenarbeit mit anderen Trägern und Kirchengemeinden unterstützt?

Vorstellung der Rahmenempfehlung „Qualifikation zur Begleitung trauernder Menschen im Rahmen der Hospizarbeit"

(Anmerkung: Interessenten melden sich bei der Geschäftsstelle der LAG Hospiz BW )

Abschluss

Nehmen Sie die Empfehlung als Geländer zum Anpacken. Wir sind stolz und dankbar darüber, diese Ihnen vorstellen zu können.

Stolz darauf, dass die LAG Hospiz Baden-Württemberg den Ball aufgenommen hat.

Dankbar, dass wir in einem sehr kollegialen Team arbeiten konnten und dabei viel für uns selbst lernen durften.

Wir sind bereit - jetzt im Podiumsgespräch

Und später mit ihnen gemeinsam auf ihrem Weg.


Hermann J. Bayer, Stuttgart
http://www.lebenscafe.de/